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Leidenschaftliche Bastler: Interview mit Anissa von handmade2.0

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Leidenschaftliche Bastler im EXPLI Interview

Diesmal hatten wir das Glück, die handmade-Branchenexpertin Anissa vom Blog handmade2.0 interviewen zu können. Anissa ist schon sehr lange Bloggerin und beobachtet intensiv das Geschehen um handmade und DIY. Auf ihrem Blog findet man detailierte Berichte zu unterschiedlichsten Themen, sie gibt Tipps aus der Betriebswirtschaft für Microlabels und verfolgt die Selbermach-Szene in verschiedenen Ländern. Was sie über sich, ihre Leidenschaft für handmade und ihre Einstellung zum bloggen und zum Internet verrät, könnt ihr hier nachlesen.

Hallo Anissa, erzähle doch bitte kurz etwas zu dir und deinem beruflichen Hintergrund?

Ich bin die Autorin von handmade2.0, einem Blog, auf dem es seit 2003 um The New Handmade geht, aber auch um Popkultur im weiteren Sinne, Tips und Tricks rund um die technischen Seiten des Internets, betriebswirtschaftliche Tips für Indie Designer und immer wieder Funde des Alltags. Mein beruflicher Hintergrund ist ein klassisches Studium fremdsprachlicher Literatur- und
Kulturwissenschaften und ein Aufbau für Wirtschaft mit den Schwerpunkten Public Relations und Marketing. Ich bin das, was man in der Fachwelt MarCom-Spezialistin nennt. Gearbeitet habe ich unter anderem im HighTech und für kulturelle Organisationen.

Wenn man nach deutschsprachigen DIY-Blogs sucht, kommt man an handmade2.0 nicht vorbei - seit 2003 bloggst du aktiv. Was war der Auslöser für dich, einen Blog zu starten?

Zunächst einmal: handmade2.0 versteht sich nicht als DIY-Blog, schon allein, weil DIY für mich eine andere Konnotation hat als handmade. Auf handmade2.0 geht es um genau das: handmade im Zeitalter des Mitmachwebs. Der Auslöser für handmade2.0 war die Technik; das Dokumentieren von Trends und Dingen, die ich für dokumentierenswert halte, habe ich ja nicht erst 2003 begonnen. Vor meinem ersten Blog habe ich statische Webseiten gebaut, und noch davor habe ich interessante Dinge offline dokumentiert. Schöne Bilder und Zeitungsschnipsel habe ich schon seit der Schulzeit gesammelt und mit Kommentaren versehen in selbstgemachte Papierhefte geklebt. Die Entscheidung, endlich auch mal ein dynamisches Publishingsystem zu nutzen statt den Bloggingpionieren immer nur zuzuschauen, fiel 2002 bei einem After-CeBit-Drink. Über Blogs haben damals die wenigsten Leute etwas gewusst, ausser vielleicht, dass es "irgend so ein neumodischer Internettrend" ist.

Auf deinem Blog stößt man auf die unterschiedlichsten Themen: von DIY-Marktplätzen über Bastel-Communities und Themen aus Israel bis hin zu betriebswirtschaftlichen Beiträgen in Sachen Microlabels. Wie würdest du den Inhalt und die Zielsetzung deines Blogs in wenigen Worten beschreiben?

In wenigen Worten? "Tech meets arts meets Bohème. Nice mess."

In deinen Artikeln wird man häufig mit sehr detaillierten Hintergrundinfos konfrontiert. Du selbst sagst von dir, dass du gründliche Recherche liebst. Wie gehst du an ein Thema heran, das dich interessiert?

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Das hängt immer davon ab, wie vertraut ich bereits mit einem Thema bin, das meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Komplett fremde Themen erarbeite ich mir mit Hintergrundrecherchen; von dort arbeite ich mich durch zu Details, die mich besonders interessieren, oder solche, die wichtig für einen Beitrag zum Thema sind. Im Moment gibt es eine Tendenz im Netz zum Verbloggen von Bildern, Satzfetzen in schlechter Schreibe und oberflächlich dahingeschmissenen Halbfakten. Das Netz ist zwar nur Vehikel und kann (und soll) daher sehr verschiedenen Arten von Kommunikation dienen, keine Frage. Meine Art zu kommunizieren ist allerdings sehr von meiner Ausbildung beeinflusst und meiner Begeisterung für Sprache: Was ich in die Welt stelle, soll Hand und Fuss haben, damit es eine solide Diskussionsbasis bietet. Es soll natürlich auch unterhalten und meinen Lesern einen Grund geben, handmade2.0 regelmässig lesen zu wollen. Ich setze dabei neben gründlicher Recherche auf ein gutes sprachliches Niveau.

Wie viel Zeit fließt in die Arbeit mit deinem Blog?

Zeit ist relativ, und die Arbeit selber teilt sich in unterschiedliche Schritte. Insgesamt investiere ich nicht mehr Zeit als nötig oder übrig wäre. Ich recherchiere recht effizient, schreibe recht schnell, und wenn die Seite technische Änderungen braucht, geht das in der Regel auch schnell von der Hand.

Was treibt dich an, soviel Energie in Recherche zu stecken und darüber so detailliert zu bloggen?

Ich stecke nicht viel Energie in dieses Blog oder in die Recherche; nicht im Sinne von grossem Aufwand oder Entbehrungen, denn dann hätte ich handmade2.0 sicherlich schon so weit ausgebaut, dass ich einen Teil meiner investierten Zeit zum Beispiel durch Werbeeinnahmen (ich denke da nicht an GoogleAds oder bezahlte Referrer, sondern an Aktionen, die dem Thema angemessen sind) decken würde. handmade2.0 ist ein nichtkommerzielles, unabhängiges Blog, die Arbeit macht mir Spass - wenn sie es nicht täte, hätte ich schon längst einen Schlusstrich gezogen. Ansonsten, in Bezug darauf, was handmade2.0 im Innersten zusammen hält: Neugier und Wissenshunger.

Du warst seit den Anfängen des Internets dabei und hast auch die Entstehung der virtuellen DIY-Szene in den USA mitverfolgt. Warum dauerte es deiner Meinung nach so lange, bis die DIY-Welle aus den USA nach Deutschland schwappte? Ist sie überhaupt schon richtig angekommen?

Naja, es hat ja "nur" gute zehn Jahre gebraucht... ;) Abgesehen davon, dass Selbermachen und DIYlern in Deutschland und Europa eine lange und tiefe Tradition haben, hat es in Bezug auf The New Handmade sicherlich auch deshalb so lange gedauert, weil das Internet hier einen ganz anderen Funktions- und Stellenwert hatt(e) als in den USA. Den Amerikanern muss man zugestehen, dass sie passionierte Early Adopter sind - die Deutschen und viele andere Europäer sind das leider nicht so sehr. Ein weiterer Grund wäre ausserdem die sprachliche Barriere. Deutsche sind, ähnlich wie Amerikaner auch, mässig gute Fremdsprachler, haben aber keinen Hausvorteil in Bezug auf die Lingua Franca, denn die ist ja Englisch. Das habe ich in der ersten Blogzeit gemerkt, in der ich vorwiegend englische Beiträge verfasst habe; das hat Deutsche etwas abgeschreckt. Heute ist es natürlich genau umgekehrt: Amerikaner und andere internationale Blogbesucher können mit handmade2.0 kaum etwas anfangen, weil sie der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Aber wenigstens kann ich ein Stück weit behaupten, die hiesige Szene mitgestaltet zu haben, und das allein macht mich schon recht glücklich. Diese Lücke zwischen Offline- und Onlinewelt haben wir in Deutschland allerdings immer noch nicht so ganz überwunden. Was sich aber interessanterweise zeigt: The New Handmade hat sich hier trotz allem gut herumgesprochen und braucht mittlerweile nicht unbedingt das Internet. Es gibt genug Indie Labels und kleine Designschmieden, die sich gut etablieren, obwohl sie auf Blog, ausführliche Webeite oder Twitter verzichten und sich eher an die klassische Presse wenden, wenn sie News haben. Zugegeben: Für mich als Blogautorin wäre es natürlich schöner, wenn ich diese Leute auch im Netz antreffen und ihre Arbeit mitverfolgen könnte, auch wenn ich wirklich gerne unterwegs bin und reise.

Woher kommt deine Passion für Handgemachtes/DIY?

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An The New Handmade interessiert mich die aufgeschlossene Umgangsweise mit handwerklichen Traditionen, die in einen postmodernen Kontext herübergetragen werden; oft geschieht das in einem schönen Gleichgewicht aus Respekt vor dem handwerklichen Grundkönnen als solide Basis für künstlerisches Schaffen und dem Bedürfnis nach neuer Formgebung und damit einer neuen Ausdrucksweise. Tradition bedeutet ja nicht, ewig an starren Mustern festzuhalten, weil man "das schon immer so gemacht hat"; Tradition ist das Bewahren und Weiterverwenden von bewährt Gutem, und in Bezug auf das Handwerk sind es Techniken, die sich als gute Basis für Formfindung und Ausdruck bewährt haben. Eine richtige DIYlerin war ich nie, jedenfalls nicht nach den heutigen Kriterien und denen der 80er, obwohl ich meine, dass "DIY" und "handmade" nie so kontrovers definiert wurden wie gegenwärtig. In Bezug auf die (kreativen) Dinge, die ich heute mache, ist "Craftista" recht aussagekräftig. Ich nehme die Dinge ernst und sie sollen so gut gelingen, dass sie andere sogar kaufen würden. Ich bin in den 80ern gross geworden, in einer Zeit, als es gerade einmal vier (einschliesslich des DDR-Fernsehens!) Fernsehkanäle und entsprechend wenig Sendungen gab, und in der Handarbeiten, Kunst und Werken noch fest im Kursplan der Schulen integriert waren. Statt passiv zu konsumieren und endlos zu wünschen, war unser Motto "selber ausprobieren" und "selber machen". Häkeln und Stricken habe ich von meiner Oma gelernt, zu Hause hatten wir eine Nähmaschine, die ich irgendwann benutzen durfte. Einen Werkzeugkasten mit tollen Werkzeugen gab es natürlich auch. Ich habe erst Puppenkleider, später meine eigene Garderobe oft selber geschneidert und dann, für eine kurze Zeit, so etwas wie Theaterkostüme aus alter Bekleidung neu zusammengenäht (das wäre heute so etwas wie Upcycling). In den frühen 80ern gab es in meiner Stadt einen der ersten Perlenläden Deutschlands, den ich immer noch regelmässig aufsuche. Kurzum, was mich interessiert hat, habe ich auch immer ausprobiert.

Welche Dinge machst du besonders gerne selber?

Es ist vor allen Dingen, jedoch nicht ausschliesslich, beim Nähen und beim Schmuck geblieben. Ich kaufe natürlich auch von der Stange und Retroobjekte auf Antikmessen, aber was ich nicht finden kann, fertige ich dann eben selber.

Du schreibst häufig über Marktplätze wie Etsy, Dawanda, Guzuu etc. für Kreative, die dort ihre Ideen und Arbeiten vermarkten können. Wenn du die Anbieter miteinander vergleichst, welche Unterschiede fallen dir auf? Wie würdest Du die Marktplätze überhaupt bewerten?

Die Marktplätze, über die ich bis jetzt regelmässig berichtet habe, verbindet, dass sie dynamisch funktionierende Umgebungen im Internet sind , auf denen Menschen ihre selbstgemachten Produkte in der einen oder anderen Form zum Kauf anbieten können. Die Marktplätze basieren auf einem Preismodell, in der Regel aus einem Mix von Angebotsgebühr oder Shopmiete und einer Provision, die bei erfolgreichem Verkauf fällig wird. Die rund hundert Marktplätze, die ich bislang kenne, variieren in ihrer Vision, ihrem Zielpublikum, aber auch in Bezug auf die technische Umsetzung der Konzepte. Generell trennen sich die weltweit existierenden handmade-Marktplätze im Netz in offene und kuratierte Marktplätze, auf denen die Kreativen ihren Shop selber verwalten, sowie in Distros und sogenannte Showcases. Das kann man übrigens auch in meinem Artikel für die t3n nachlesen. Es fällt sehr schnell auf, wenn die Macher eines Marktplatzes eigentlich keine Ahnung von der handmade-Szene haben und einfach nur auf einen fahrenden Zug aufsprigen wollen, weil sie ein lukratives Geschäft wittern. Von diesen Marktplätzen hört man in der Regel dann auch recht wenig.

DIY-Communites wie EXPLI sind seit einigen Jahren auch in Deutschland auf dem Vormarsch. Wie siehst du die Entwicklung solcher Communities in den kommenden Jahren?

Selbermachen und das Zusammekommen um sich auszutauschen hat es schon lange vor dem Web gegeben, und nach Interessen organisierte Nutzergruppen waren schon vor dem Mitmachweb aktiv an der Gestaltung des Internet beteiligt. Wenn die weitere Entwicklung der gefühlten Bedürfnisse der Gesellschaft so verläuft, wie es zum Beispiel Maslow definiert hat, dann dürfte das Web weiterhin ein guter Ort für Communities bleiben, in denen sich alles ums Selbermachen und Selbstverwirklichen dreht.

Das Team von EXPLI dankt dir sehr herzlich für das Interview und wünscht dir weiterhin alles Gute mit deinem Blog!


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1 Meinungen

bastisRIKE meint:

wie schoen, so ein bisschen mehr ueber "a." zu erfahren :)

freundlich grueßt
bastisRIKE

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Über dieses Blog

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